Allein unterwegs in Schottland – Bekanntschaft mit einer liebenswürdigen Mörderin

Die interessantesten Geschichten, entstehen auf jenen Reisen, an denen ich nichts plane. So plane ich auch diese Reise nicht zu planen. Alles was ich brauche, ist ein günstiger Flug und mein Zelt, denn wie ihr wisst, ist Schottland noch eines der wenigen Länder, wo man problemlos überall zelten kann.

Mein Budget ist wie so oft limitiert, dennoch will ich auf die Freiheit eines Autos nicht verzichten. Ich miete mir also das günstigste Auto das ich finden kann, was mich umgerechnet etwa €11 pro Tag kostet, und fahre einfach drauf los. Mein Ausgangspunkt ist die östlich gelegene Stadt Aberdeen, die ich jedoch erst bei meiner Rückreise zu Gesicht bekommen werde. Einerseits, weil ich auf der Suche nach der rauen Natur der Schottischen Highlands bin, aber auch ganz ehrlich, weil mein Auto kein Navigationsgerät hat und ich erst nach zwei Stunden merke, dass ich keinen Plan habe, wo ich bin. Mein Smartphone habe ich dummerweise vor ein paar Tagen bei einer Bootstour versenkt, ich bin also auf fremde Hilfe angewiesen.

Ich halte an einem allein stehenden Haus, aus dessen Garten ein Lama hervorlugt. Ja, kein Schaf, sondern ein verdammtes Lama. Eine Dame, die mich offenbar bereits bemerkte hat, deutet mir durchs Fenster ich solle auf die andere Seite des Hauses kommen. Es folgt ein skeptischer Blick durch das verrostete Metalltor, doch dann wird mir geöffnet. So ganz weiß ich ja nicht, was ich fragen will, also frage ich einfach in welcher Richtung das Meer liegt. Sie blickt mich verwundert an und zeigt mir dann eine alte Straßenkarte von Schottland. Wir waren nicht weit von der Küste entfernt, vielleicht daher der irritierte Blick. Ich bedanke mich und bevor ich gehe frage ich noch nach dem Lama – ein wenig seltsam ist das ja schon, so ein Lama in Schottland. Nicht weniger seltsam war jedoch die Erklärung meiner schottischen Richtungsweiserin:  „Das flauschige Tier dient einerseits als Rasenmäher, aber auch als Schutz vor dem Fuchs. Seit ich das Lama im Garten hab, werden die Hühner in Ruhe gelassen.“ Verrückt, dachte ich. Und auch irgendwie schlau. Beim Verabschieden drückt mir die Frau die Straßenkarte in die Hand, sie selbst brauche sie nicht mehr. Ich blicke noch einmal in den Garten hinüber zum Lama und stellte mir kurz vor, wie es sein müsste hier zu leben. Also als Mensch, nicht als Lama.

Mit den letzten Sonnenstrahlen erreiche ich die Küste und bin zugleich überrascht: In Schottland gibt es tatsächlich Sandstrände! Ich fahre vorbei an einem Golfplatz, von Menschen ist hier keine Spur. Die hügelige Landschaft ist bedeckt von Sträuchern, die jetzt im Spätsommer gelb blühen. “SCOTTISH WILD SALMON COMPANY” lese ich auf einem Weidezaun, dahinter ein Holzhaus mit grünen Fensterläden, das einzige hier weit und breit. Es scheint verlassen. Ich parke mein Auto, nehme Zelt und Rucksack und marschiere Richtung Strand. Der Weg führt über einige Dünen, die einen idealen Windschutz bieten und ich überlege mir bereits hier mein Lager aufzuschlagen. Doch zuerst will ich ans Meer. Außer mir sehe ich nur eine Hand voll Menschen am Strand. Der Sand leuchtet rötlich in der untergehenden Sonne und das Rauschen der Wellen ist wie Musik in meinen Ohren. Ich gehe etwas weiter und entdecke erneut etwas, womit ich hier gar nicht gerechnet habe. Ein paar Meter vor mir liegt ein Seehund! Er liegt da wie ein grauer Haufen und bewegt sich nicht. Ich gehe langsam auf das Tier zu.

“Stop! Don’t walk too close!”, warnt mich eine Stimme und da die Stimme schottisch klingt, gehorche ich sofort. Paul ist von der Seal Watch und hat ein Fotoobjektiv bei sich, mit dem man selbst einen Kaugummi auf dem Mond erkennen konnte. Seine Frau Emily erklärt mir, dass das hier vorne Salty George ist und dass es besser ist, ihn nicht bei seinem Nickerchen zu stören. „Seehunde sehen zwar süß aus, können jedoch blitzartig angreifen. Dabei streckt sich der Hals um ein vielfaches des Kopfes und SCHNAPP, ist es geschehen. Der Biss endet dann meist im Krankenhaus. Nicht unbedingt wegen der Verletzung, aber Seehunde haben ähnlich wie Hunde Krankheiten, die sich auf den Menschen wie Tollwut übertragen können.“ Am besten sei es einen Sicherheitsabstand von 50 Metern zu halten, meint sie und deutet auf das Schild, das ich gekonnt übersehen habe. „Wenn du die Tiere in Ruhe lässt, passiert dir aber nichts“, versichert mir Paul. „Das hier ist das Blakeney National Nature Reserve, mehr als 2000 Seehunde kommen jedes Jahr hierher um sich zu paaren.“ Erst jetzt merke ich, dass wir umgeben sind von Seehunden. Direkt gegenüber muss wohl so eine Art Sandbank sein, wobei man von dem Sand nicht mehr viel sieht, so dicht gedrängt liegen die Tiere nebeneinander. Vereinzelt schwimmen auch einige im Wasser, wobei man nur den Kopf von diesen, für mich nach wie vor, süßen Tieren sieht. Eine Weile lausche ich noch Paul und erfahre viel über seine Arbeit, über das harte Klima hier und natürlich über Seehunde. Ich fühle mich dabei wie in einem Dokumentarfilm von National Geographics, nur das ich nicht zuhause vor einem Bildschirm sitze, sondern dass hier alles Live miterleben darf. „Ob ich hier mein Zelt aufschlagen darf?“, platzte es plötzlich aus mir heraus. „Absolutely“, meinte Paul. Ich solle nur darauf achten, dass mich in der Nacht nicht die Flut überrascht.

Gesagt, getan. Ich baute mein Zelt weit genug vom Meer entfernt auf und schlief bald darauf ein. Die Nacht war trocken und ich betone das deshalb, weil es die einzige auf dieser Reise bleiben würde. Der Blick am nächsten Morgen war gigantisch. Die aufgehende Sonne, das Meer und einen Strand ganz für mich. Für mich und die vielen Seehunde hier. Bestimmt hätte ich es noch eine ganze Weile hier ausgehalten, doch meine Reise geht weiter.

Gut gelaunt fahre ich die Küstenstraße entlang und folge den Schildern des North Coast 500 Trails. Die Luft, ganz frisch und salzig, die reinste Kur für die Atemwege. Im Auto spielt es Folkmusik und ich merke, wie ich langsam immer tiefer in das wilde Schottland eintauche. Aufgeregt male ich mir bereits die hügelige Landschaft der Highlands aus und sehe mich schon, Ruinen entdeckend auf den Spuren von William Wallace. Doch es kommt anders. Denn es passierte, was passieren muss, wenn man Schottland besucht. Es regnete. Es regnete und hörte nicht mehr auf zu regnen. Zu Beginn empfinde ich es noch als Herausforderung, als Teil meines Abenteuers. „Was kann mir schon ein bisschen Regen anhaben?“, denke ich mir und verbringe die folgende Nacht im Regen. Und es war auch nicht weiter schlimm, ich machte es mir ja gemütlich, las mit meiner Stirntaschenlampe und probierte den Scotch, den ich mir im Supermarkt gekauft hatte. Nur als nach zwei Tagen nicht nur mein Zelt, sondern auch mein Schlafsack pitschnass war, hatte ich die Schnauze endgültig voll.

Mit den nassen Sachen sitze ich im Auto und analysiere meine Lage. Ich überlege im Auto zu übernachten, aber der kleine Fiat 500 zeigt sich nicht sehr begeistert über meine Idee. Ich beschließe die Fischerdörfer abzuklappern und nach einer Unterkunft zu suchen. Auf der Karte, die mir die Lama-Lady gegeben hat, suche ich den Ort Crovie. Das ist ein winziges Dorf, direkt an einem steilen Abhang der Küste, das ich bereits aus einem Dia-Vortrag kenne. Der Vortragende beschrieb den Ort als “malerisches Fischerdorf, jenseits des Tourismus, wo man ungestört eine Woche verweilen und ein Buch lesen konnte.” Oder ein Buch schreiben, denke ich mir euphorisch und schätze die Entfernung ab. In Wirklichkeit brauchte ich nichts weiter zu tun, als den North Coast 500 Trail zu folgen und das tat ich dann auch.

Ich muss das Schild nach Crovie wegen des heftigen Regens wohl verpasst haben, denn als ich schließlich anhalte, bin ich in Banff, wo man mir mitteilt ich sei zu weit gefahren. Nach knapp zwanzig Minuten bin ich endlich in Crovie, oder besser gesagt oberhalb von Crovie. Ich parke mein Auto auf einem gekennzeichneten Parkplatz nur wenige Meter vom Abgrund entfernt und genieße den Ausblick auf das Meer. Steile Steinstufen führen hinab in das Fischerdorf, das nur aus zwei Dutzend aneinander gereihter Häuser besteht und direkt an das Meer grenzt. Ich schnappe meinen Rucksack und marschiere hinunter. Am Parkplatz verschwinden zwei Schafe unter einem Weidezaun, als hätte ich sie auf frischer Tat dabei erwischt, als sie am Wegesrand gegrast haben. Der Regen scheint sie überhaupt nicht zu stören. Unten angekommen: Leere. Ich schlendere den Pier entlang und begegne einem Wesen, das aussah, als wäre es dreimal gekaut und vom Meer ausgespuckt worden. Ich schildere ihm meine Situation und frage nach einem Bed and Breakfast, doch seine Antwort hätte ich mir ebenso von den Fischen holen können. Er sprach in einem derart wilden Dialekt, dass ich kaum ein Wort verstand. Sein Bart verdeckte seine Lippen komplett und ich beobachtete seinen Schnauzer, der sich auf und ab bewegte, während er sprach. Die Situation war etwas befremdlich, also nickte ich einfach und marschierte weiter – es hat wenig Sinn mit Fischen zu sprechen, wenn du nicht selbst ein Fisch bist, denke ich mir.

Ich beschließe nun an den Türen der winzigen Häuser zu klopfen, in der Hoffnung dass nicht jeder Einwohner hier Klingonisch spricht. Ich habe Glück: ein kräftiger Kerl mit einer Halbglatze, bestimmt zwei Meter groß, aber mit einer Freundlichen Art wie Pooh der Bär, öffnet mir die Tür. An seinem Akzent, erkenne ich sofort, dass er aus England ist. „You won’t have any luck here young lad, but there’s a Bed and Breakfast over at Gardenstown.“ Seine Pranken zeigen nach Westen, wo in geringer Entfernung ein weiteres Fischerdorf liegt. „But hurry up, once the tide comes the road will be under water!“.

Und so war es dann auch. Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg nach Gardenstown. Als ich ungefähr die Hälfte der Steinmauer, auf der ich entlang ging, hinter mir hatte, schwappten die ersten Wellen über meine Füße. Ich konnte jetzt entweder weitergehen, oder umkehren und die Nacht im Auto verbringen. Also weiter! Links von mir türmte sich eine steile Felswand auf und von rechts peitschten die Wellen immer näher. Und als ob das nicht genug wäre, regnete es jetzt Cats and Dogs, wie es im Englischen so schön heißt. Dieser Ausdruck kommt übrigens aus einer Zeit in der Haustiere noch auf den Dächern der Häuser schliefen. Wenn es also stark regnete, so fielen tatsächlich Hunde und Katzen von den Dächern. Aber das zu wissen, brachte mich in dieser Situation auch kein Stückchen weiter. Der nasse Steinboden und die Felsen, an denen ich mich abstützte, waren glitschig. Ich bewegte mich deshalb sehr vorsichtig und benötigte für die kurze Strecke deutlich länger als erhofft. Stellenweise ging ich auf allen Vieren, um nicht auszurutschen. Als ich schließlich nach Gardenstown gelangte, war es dunkel geworden.

Nachdem ich es wie Moses durch die Sintflut geschafft hatte, klopfe ich am weit und breit einzigen Bed & Breakfast. Ich stehe im Regen und wünsche mir einfach nur ein Bett. Das war doch nicht zu viel verlangt. Nur ein Bett. Die Türe öffnet sich und zwei erschrockene Augen mustern mich von oben bis unten. Dann lange nichts. Schließlich lässt mich die Lady an der Tür doch nicht im Regen stehen und ich betrete das Haus. Ich bin froh endlich im Trockenen zu sein, merke zum ersten Mal wie es sich anhört, wenn man den Regen nicht mehr hört und höre gar nicht was die Frau mir zu sagen hat. „I’m terribly sorry sir, but all my rooms are full.” Ich hatte bereits meine Jacke ausgezogen und es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht. „Full?“, fragte ich, endlich begreifend. „Yes, but hold on. I will make some phone calls and we’ll figure something out.“ Mir war alles Recht, solange ich nicht noch eine Nacht im Regen schlafen musste. Kurze Zeit später bringt man mich zu einem anderen Haus, indem eine alte Dame lebt, die manchmal Besucher aufnimmt. Es ist bereits zehn Uhr abends und ich frage mich, ob die alte Lady nicht schon schläft, als wir an der Türe läuten. Es dauert eine Weile, doch ich bleibe zuversichtlich. Ganz gleich welches Land du betrittst, mit einem Lächeln öffnest du jede Türe. 

„Hello, I’m Janette Ramsey. Come on in.“, begrüßt mich ein breites Grinsen, eingepackt in schneeweißen Haaren. Sie führte mich durch ihr Haus. Es war ein Haus, wie jedes andere hier. Die Mauern waren aus Stein, die Fußböden aus alten Holzplanken, alle leicht geneigt, dass wenn einmal Wasser hineindringt, es dann gleich wieder hinaus fließen kann. Was mir außerdem auffiel: es gab hier kein Schloss an der Tür. Später erklärte Janette mir, dass sich hier jeder kennt und es daher keinen Grund gibt, die Türen zu verriegeln. Der Briefträger kommt herein; wenn niemand da ist macht er sich selbst eine Tasse Tee, legt die Briefe auf den Tisch und geht wieder. Mein Zimmer befand sich links vom Eingang. Darin war ein Bett, das zwar größer war als ein Einzelbett, doch für jedes Ehepaar zu klein schien. Daneben ein einfacher Schreibtisch und ein hölzerner Stuhl.

Obwohl ich müde bin, folge ich Janettes Einladung zu einer Tasse Tee. Immerhin hat sie mich bei ihr aufgenommen, ich kann jetzt doch nicht gleich im Bett verschwinden. Oder doch? Die Küche und das Wohnzimmer befinden sich im unteren Stockwerk des Hauses. Die schmalen Treppen, die laut knarren, wenn man auch nur darauf blickte, kündigten mich bereits an. „Would you like to have some suggar with your tea?” fragt die winzige Gestalt mich, die überhaupt noch nicht müde zu sein scheint. „No? I see. Because you are sweet enough! Am I right?“ Ich merke sofort, dass die alte Janette ein lustiges Wesen hat und so fällt es mir so gar nicht schwer mit ihr ins Gespräch zu kommen. Generell hab‘ ich das oft bei älteren Menschen beobachtet. Nicht unbedingt dass sie humorvoll sind, aber dass es mir besonders leicht fällt mit ihnen zu plaudern. Vermutlich, weil sie schon ihr ganzes Leben hinter sich haben und da muss es ja dann die eine oder andere Gemeinsamkeit geben, über die man reden kann. Wie dem auch sei, Janette  fragt mich nach meinem Beruf und da antworte ich, dass ich bin Schriftsteller, was ja irgendwie auch stimmt. Ich erzähle ihr von meinem Vorhaben mit dem Zelt durch Schottland zu reisen und sie hört mir zu, als wäre es das normalste auf der Welt mit dem Zelt durch Schottland zu reisen. Dann erzählt sie mir von sich selbst, was mich freut, denn ich fühle mich wie ein müder Haufen Ziegelsteine. Und Ziegelsteine reden bekanntlich nicht viel.

„When I was your age, I was working on the Virgin Islands. It was the 60s and I was a nurse back then, when a wealthy gentleman from England had asked me to accompany him. He had a deadly disease and did not plan to spend his last days in this bloody rain.“ Ich muss lachen und stellte mir kurz vor, wie das Wetter wohl jetzt auf den Virgin Islands sein musste. Janette erzählt mir von ihrem früheren Leben. Ein paar Häuser, einen Supermarkt und eine Bar, viel mehr gab es dort damals nicht, sagt sie. Und sie sagt es so, als ob es auch nicht mehr gebraucht hätte. Die Palmen, das Meer und die viele Sonne, waren eine willkommene Abwechslung für die junge Krankenschwester. Janette führte ein Leben wie aus einem Bilderbuch, verbrachte jeden Tagen am Strand und verdiente sich so ganz nebenbei ein kleines Vermögen.  Der Englische Gentleman sollte noch ein langes Leben haben, dafür sorgte sie, so gut sie konnte. Erst nach 8 Jahren verstarb ihr wohlhabender Patient, der mittlerweile auch so etwas wie ein Freund geworden war und es fiel ihr nicht leicht Abschied zu nehmen. Was sollte sie tun? Sie war jetzt ganz ohne Aufgabe. Gewiss hätte sie noch problemlos einige Jahre auf den Virgin Islands leben können, ohne sich auch nur die geringsten Sorgen zu machen. Doch sie beschloss sich einen Kindheitstraum zu erfüllen und reiste mit ihrem Gesparten wieder zurück nach England.

Mittlerweile bin ich wieder ganz trocken, nippe an meinem Earl Grey und wärme meine Hände an der heißen Teetasse. Janettes Traum war es immer gewesen Pferde zu dressieren. Rennpferde. Die besten der Welt. Wenn sie mir davon erzählt, funkeln ihre kleinen Augen hinter den dicken Brillengläsern. Sie wirkt auf einmal jünger. “But these bloody bastards would not let me.”, schimpft sie und blickt dabei in die Luft, als ob sie dort den Moment in einer unsichtbaren Zeitkapsel abgespeichert hätte. Sie war damals wütend und ist es auch heute noch. In England war es vor 50 Jahren nicht üblich dass Frauen eigenen Besitz hatten. Es war für Janette nahezu unmöglich Pferde zu besitzen, geschweige denn eine ganze Farm. Und selbst ihr gespartes Geld half ihr da wenig. Sie brauchte einen Mann.

Janette war weiß gott nicht wählerisch und als sie schließlich “brauchbares Material”, das waren ihre Worte, gefunden hatte, schloss sie einen Deal: Sie würde ihn heiraten, wenn er ihr eine Farm mit Pferden kaufte. Mit ihrem Geld versteht sich. So ein Angebot kann man schwer abschlagen und Janette hatte bald darauf was sie wollte. Das eine solche Ehe nicht lange hält, das versteht sich von selbst. Nur ihr damaliger Mann verstand das nicht, als die Pferdeflüsterin eines Tages samt ihren Tieren abhaute. Sie wollte nach Deutschland, ein Land das ihr bis heute sehr wohlgesonnen ist. Dort war sie mit ihren Pferde das erste Mal so richtig erfolgreich. Sie gewann ihre ersten Turniere und machte sich bald einen Namen im Pferderennsport. Danach ging es weiter nach Italien, wo sie sich ein Anwesen in der Toskana kaufte.

Es wird plötzlich still. Janette blickt auf die Wand neben der Küchenzeile, wo ein schwarz-weiß Foto hängt. Darauf ist ein Rennpferd zu sehen, es steht da ganz stolz wie das Pferd von Attila der Hunnenkönig. Dann sieht sie mich wieder an, ist in Gedanken jedoch ganz weit weg: „It was a wonderful time. I was very successful and my horses were running well. This one in particular.“ Janette strahlt über beide Ohren hinweg, wenn sie über die Zeit in der Toskana erzählt. Doch sie hatte auch viele Neider. Und eines Tages, kam dann die italienische Mafia und drohte ihr. Das kann man sich vorstellen wie in einem Film: Der Mafioso kommt in den Stall und zückt eine Pistole. Er richtet diese nicht etwa auf Janette, sondern auf ihr Lieblingspferd. Wenn sie nicht sofort mit ihren Pferden wieder nach England abhaut, wird das Pferd beim nächsten Besuch nicht mehr auf vier Beinen stehen. Wie viel von dieser Geschichte stimmt, weiß ich nicht. Doch Janette scherte sich einen Deck darüber. Sie machte immer was sie will und ließ sich von niemanden sagen, was sie zu tun hatte. Kurze Zeit später starb ihr Pferd. Aber nicht etwa wegen der Mafia, sondern wegen eines Tumors. Sie zog wieder nach England, heiratete und hatte zwei Kinder.

Ein schönes Happy End für einen Hollywood Film, denke ich mir und auch ein Ende mit dem ich jetzt gut einschlafen kann. Doch Jannettes Geschichte ist noch nicht fertig erzählt. Ihr neuer Ehemann war, wie sich bald herausstellt, ein Trinker und ein ziemliches Arschloch. Er schlug Frau und Kinder auf die brutalste Art und Weise. Sie ließ sich das zum Glück nicht gefallen und ging zur Polizei. Als sie dem Polizist, ein Bekannter der Familie, alles erzählte, glaubte er ihr kein Wort. „Your husband is a good man. He would never do such a thing.“ Auch die Nachbarn wollten ihr nicht recht glauben und die Handgreiflichkeiten wurden immer schlimmer.

„One evening my husband and I were riding our horses back home. On the last mile we would always race. Later when we were unsaddling the horses my neighbour came by and asked who had won the race. I told here ‚Of course I one the race, I am much faster than me husband.‘ Of course he was fed up but I did not see what was coming. In the barn, he took the horse saddle and threw it across my face. I fell to the floor and could hear him laughing. I was so angry. I couldn’t take it any longer and that’s when I snapped. I grabed the pitchfork and went after him. He tried to run, but I had him cornered. And then… I stabbed him!“

Ich bin wieder hellwach, lasse meine Teetasse auf den Tisch sausen und blicke sie entsetzt an.

„Yes. I went after him and a stabbed him. I think I would do it again.“ Mit einer Selbstverständlichkeit und einer fast beängstigenden Gleichgültigkeit erzählt mir meine Gastgeberin, dass sie ihren Ehemann, also Ex-Ehemann umgebracht, also mit einer Mistgabel abgestochen hat. Sie war dreieinhalb Jahre im Gefängnis, wurde dann aber doch freigelassen, da sie von Anfang an auf Notwehr plädierte. Mir wird ganz komisch. Ich kann mir das alles gar nicht vorstellen und möchte Janette noch so viel fragen. Gleichzeitig bin ich einfach schon zu müde und ich schlage vor unser Gespräch morgen fortzuführen.

 

 

 

(Fortsetzung folgt…)

 

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