Ich geb dir ein Bier – und du erzählst mir deine Geschichte!

Mir war als wäre es kein Zufall gewesen, als ich auf einer Parkbank neben der Alserkirche einen Mann registrierte. Weder jung noch alt, sah er aus wie jemand, der viel erlebt hatte. Aus seinem Rucksack blickte ein dunkelblauer Regenschirm hervor, so als hätte er im vollgestopften Gepäck keine Luft mehr bekommen. Ob seine Kleidung schon bessere Tage gesehen hat, das weiß ich nicht: abgelatschte Converse-Turnschuhe, wie sie sonst nur Teenager tragen, eine mandelbraune Stoffhose, die etwas zu weit war und ein blaues Holzfällerhemd, welches nicht nur zu weit, sondern für diese Jahreszeit auch zu warm war. Sein kastanien-dunkles Haar formte ein wildes Knäudel und ein dünner, verfilzter Zopf hing seitlich wie eine Kette bis über seine Schulter.

„Magst du ein Bier?“, fragte ich ihn und stieg von meinem Fahrrad.

„Nein danke – Ich hab kein Geld.“ Der Satz kam aus ihm heraus als hätte er ihn schon oft gesagt.

„Du brauchst kein Geld“, erklärte ich ihm und zauberte aus meiner selbstgebauten Fahrradbox zwei kalte Bier hervor. (Sie werden sich vermutlich fragen woher ich denn die kalten Bier hatte. Nun, als ich das Büro in der Dorotheergasse verließ, war mir nach einem Bier. Und da ich nie nur ein Bier kaufe und generell ungern alleine trinke, kaufte ich unterwegs zwei kalte Bier)

„Ich geb dir ein Bier – und du erzählst mir deine Geschichte!“, sagte ich selbstverständlich, als hätte ich diesen Satz auch schon oft gesagt und nahm neben ihm Platz. Ein kurzes Zischen der Bierdosen und schon sprudelte es aus ihm heraus:

„Ich bin seit sieben Jahren unterwegs. Alles zu Fuß. Zuerst war ich in Frankreich, immer die Küste entlang, bis nach Spanien. Die Strände sind im Winter menschenleer. Geschlafen hab ich in den Strandbars oder direkt unter offenem Himmel. Manchmal sind Arbeiter vorbei gekommen, aber die waren voll nett; haben mich weiterschlafen lassen. Die meisten Menschen denen ich begegnet bin waren nett. Und für die anderen hab ich mittlerweile einen ‚Arschlochdetektor‘. Ich merk sofort wie ein Mensch tickt.“

Während Alexander, so hatte er sich vorgestellt, mir seine Geschichte schilderte, fragte ich mich was ihn dazu getrieben hat so weit zu gehen. Lief er vor etwas davon? Als wären mir meine Gedanken auf die Stirn geschrieben, begann Alexander vom Anfang zu erzählen. Vom Ursprung, der ihm zu dem Mensch gemacht hatte, der er heut war.

„Ich bin schon immer anders gewesen. Als kleiner Junge merkten meine Eltern dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Im Kinderzimmer, da saß ein Teddybär auf meinem Schreibtisch. Ich stupste ihn hinunter und beobachtete ihn, wie er auf den Boden fiel. Danach hob ich ihn auf, um ihn erneut hinunter zu stupsen. Immer und immer wieder.“

Dabei seien oft Stunden vergangen und Alexander merkte nicht, wenn in dieser Zeit jemand mit ihm sprach. „Mit starrem Blick und in seiner eigenen Welt“, beschrieben seine Eltern es später dem Psychologen.

„Es wurden Tests gemacht mit mir, um zu schauen ob ich dumm sei. Doch das Gegenteil war der Fall. Sämtliche Ergebnisse zeigten Spitzenwerte! Mein IQ würde Einsteins um nichts nachstehen, meinten die Ärzte.“

Er erzählte mir wie sehr er sich in der Schule fadisiert hatte und dass er am liebsten alleine gewesen sei. Generell fiel es ihm schwer mit anderen Kindern zu reden. Als sein Verhalten unter Leuten immer sonderbarer wurde, (er hatte viele Ticks) wurde er mit Autismus diagnostiziert.

Alexander verfiel in eine Pause und auch ich sagte kein Wort. Ich blickte ihn an: Bis auf sein ungepflegtes Äußeres wirkte er auf mich ziemlich normal. Dann fragte ich ihn (ein wenig sarkastisch), weshalb er mit mir denn ohne Probleme reden könne.

„Das war nicht immer so.“, lachte er. „Auf der Uni und in der Arbeit hatte ich immer wieder damit zu kämpfen. Erst die letzten 7 Jahre zu Fuß haben mich geheilt – haben mich dazu gezwungen mit Freunden zu reden.“

Was er denn studiert habe, fragte ich ihn.

Mathematik, Quantenphysik, Politikwissenschaften und noch ein paar andere. Aber das war für ihn nie genug. Ständig fühlte er sich leer, meinte Alexander. Er blickte kurz hoch und beobachtete zwei Herren im Anzug, die gerade die Straße überquerten. Sein Gesicht wurde plötzlich ernst. Wie sehr er die heutige Leistungs- und Konsumgesellschaft hasse. Und die Art und Weise, wie die meisten Menschen ihr Leben lebten ohne je gelebt zu haben.

„Sie leben, als würden sie ewig alt werden. Die Zukunft ist ihnen wichtiger als das Jetzt. Es sind aber die Entscheidungen, die sie heute treffen, oder viel mehr die, die sie nicht treffen, mit denen sie am Sterbebett leben müssen.“

Mein mittlerweile lauwarmes Bier schickte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die Worte Alexanders blieben mir noch lange im Kopf. Wir verabschiedeten uns, man sehe sich immer zwei mal im Leben, und wünschten einander viel Glück.

Gesehen habe ich Alexander seither nicht. Jedoch machte ich noch einige weitere Bekanntschaften mit Menschen, die mir aus ihren Leben erzählten. Frei nach dem Motto „Ich geb dir ein Bier – und du erzählst mir deine Geschichte!“.

 

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