Adrian

Adrian hat schon viel mitgemacht. Und trotzdem hat er sich, seit ich ihn von seinem damaligen Besitzer um fünfzig Euro abgekauft habe, nie wirklich beschwert. Die vielen langen Nächte in Wien, das draußen Warten im Regen und auch dass wir ihn manchmal zu zweit benutzten, schien ihn nie zu stören. Seit einem halben Jahr aber, lebt Adrian hier in Bad Mitterndorf und war seither kein einziges Mal draußen. Nicht dass ich es nicht versucht hätte – ich habe es sogar sehr oft versucht – doch weiter als bis zur Ausfahrt des Hauses, haben wir es nie geschafft. Er ist halt doch ein Stadtkind und den vielen Schnee war er einfach nicht gewohnt. Ja, ich konnte es ihm nicht einmal verübeln, ich hatte das Schneeschaufeln ja auch schon satt. Die Wochen vergingen und mit jedem Tag, an dem Adrian nicht raus wollte, wurde unsere Beziehung schwieriger. Ich mochte ihn, auch wenn er so rumzickte, denn ich wusste dass der Winter irgendwann zu Ende sein musste und dann würde wieder alles gut.

Klar, Adrian war nicht der schönste und mit seinen vierundzwanzig Jahren auch nicht mehr so jung, wie seine meisten anderen Kollegen auf der Straße, aber irgendwie ist er mir in den letzten Jahren so sehr ans Herz gewachsen, dass ich es mir nicht vorstellen könnte, ihn gegen ein aktuelleres Modell zu tauschen. Ja selbst jetzt nicht, wo er sich verhielt wie ein Weichei und sich vehement weigerte mit mir raus in den Schnee zu kommen.

Einige Wochen später. Das Wetter ist deutlich milder und es liegt kein Schnee mehr, zumindest nicht hier im Tal. Adrian, du hast jetzt keine Ausrede mehr! Wir drehen eine kleine Runde durch den Ort und als ich bei einer Info-Tafel stehen bleibe, entdecke ich diesen Zettel: “Radfahrgruppe: Hans führt jeden Mittwoch oder Donnerstag zu oft unbekannten Plätzen. Wer Lust hat daran teilzunehmen, möge seine Nummer dem Hans geben.” Ich rufe sofort die unten stehende Nummer an und frage Hans, ob man für die Strecke ein Mountainbike braucht. Adrian schaut mich währenddessen schief an und gibt mir den typischen Hundeblick. “Es gibt zwar einige Schotterstraßen, aber die Strecke geht auch mit einem normalen Fahrrad.” “Perfekt”, denk’ ich mir und melde uns für die Tour an.

Am nächsten Tag ist es soweit. Das Wetter: achtzehn Grad, leicht bewölkt und nur wenig Wind aus Nordosten. “So wüst du foan?”, fragt mich einer der Herren ganz unglaubwürdig. Ich schau mich um: Die anderen Radfahrer tragen alle Jacken, außerdem haben sie Helme, Handschuhe und Schuhe, die aussehen wie Fußballschuhe. Auch Adrian sieht sich verwundert um: Die anderen Fahrräder leuchten in den schönsten Neonfarben, die Adrian je gesehen hat. Sie haben riesige Federgabeln, mit denen man wohl selbst einen Sprung vom Stephansdom überleben würde. Außerdem fällt Adrian auf, dass sie alle eine Art Raketenantrieb haben, dort wo bei Adrian einst die Flaschenhalterung war. Was die wohl vorhaben?

“Das geht schon”, antworte ich möglichst gelassen. “Ich hab eh noch was zum anziehen dabei” und krame aus meinem Rucksack einen Hoodie hervor. Adrian quietscht mit seiner Vorderbremse und gibt mir damit zu verstehen, dass die Frage nicht an mich gerichtet war, sondern an meinen chionophoben Freund. Chionophobie ist übrigens die Angst vor Schnee und laut Adrian bei Fahrrädern völlig normal. Ich versuche ihn zu beruhigen und versichere ihn dass meine jungen, kräftigen Beine, die motorisierten Superbikes der anderen Fahrer wettmachen werden. Mit meinen zweiunddreißig Jahren bin ich der Jüngste hier, alle anderen sind bestimmt 50 plus. Adrian bleibt dennoch skeptisch.

Wir fahren los. Zunächst geht es bergab durch den Ort. Dann vorbei an der Eselalm. Wir haben Rückenwind und kommen schnell voran. Ich frage mich, warum Adrian immer so zickt, es geht doch eh ganz gut. Wir gelangen auf eine Schotterstraße, die durch einen Wald führt: auch das ist kein Problem – es geht ja alles bergab. Überhaupt geht es die ganze Zeit nur bergab, bis wir in Bad Aussee sind. Ich bin zufrieden, dass wir so gut mithalten. Dennoch merke ich dass die anderen Fahrer deutlich weniger treten müssen, als ich. Besonders deutlich wird das beim ersten Hügel: ich strampel mich im Schritttempo ab, während mich der siebzigjährige Gerhard gemütlich überholt. Weiter geht es auf einer Art Wanderweg. Ich spüre wie meine Oberschenkel arbeiten. Bergauf, bergab, bergauf, bergab. Plötzlich kommt eine steile Rechtskurve, die weder ich noch Adrian rechtzeitig gesehen hat. Es hat wenig Sinn zu streiten, während man auf einen Baum zusteuert. Nach einem kurzen Kuss mit der Rinde einer Linde, kommen wir wieder in die Gänge. Wobei Gänge ja nicht ganz richtig ist, weil Adrian ja nur einen Gang hat. Wir verlassen den Wald und gelangen auf eine Straße, wo die Silberrücken freundlicherweise auf mich warten. Adrian fühlt sich wohl auf der Straße. Ich fühle mittlerweile gar nichts mehr und frage mich, wie ich es wieder zurück schaffen soll. Ich falle immer weiter zurück und versuche im Windschatten von Walter mitzuhalten. Irgendwann verliere ich auch ihn aus den Augen. Adrian macht sich über mich lustig. Er fragt mich, wie es meinen jungen, kräftigen Beinen jetzt gehe und genießt den glatten Asphalt, während ich mich hier abstrample. Auf meiner rechten Seite erstreckt sich jetzt der Grundlsee und ich habe große Lust einfach hinein zu springen. Mit oder ohne Adrian.

An einem Wirtshaus treffe ich schließlich die anderen, die bereits Kaffee und Kuchen jausnen. Und Bier. Ich exe einen halben Liter Almdudler gespritzt und wunder mich, dass Gerhard und Co kein bisschen müde sind. Manfred erzählt uns von seinem Onkel, der eine Schnapsbrennerei hat. Doch anstatt Schnaps stellt dieser Idiot einen ganz seltsamen Essig her, den er nach seiner Kuh benannt hat. “Ballsamikuh”. Niemand außer mir scheint diesen Essig zu kennen und ich frage mich, ob man in Italien auch kein Kernöl kennt. Die alten Herren unterhalten sich weiter über den FKK Strand, auf dem es normalerweise zu dieser Jahreszeit schon Nackerte gibt und darüber, welches ihrer Enkelkinder am talentiertesten sei.

“Der Rückweg ist kürzer, da nehmen wir einen anderen Weg.”, meint Manfred, der bemerkt hat, wie sehr ich im Sand bin. “Ehrlich gesagt, habe ich schon mit dem Gedanken gespielt mit dem Zug von Bad Aussee zurück zu fahren.” Diese Antwort lassen die Herren nicht gelten. “Wir hom di’ hierher brocht und wir bringen di’ a wieder zaus.” Statt der asphaltierten Straße nehmen wir einen Schotterweg, der uns durch einen Birkenwald und schließlich an blühenden Obstgärten vorbei führt. Natürlich alles bergauf. Unter uns erstreckt sich der traumhafte Grundlsee. Adrian bleibt kurz stehen, um die Aussicht zu genießen. Meine Füße danken es ihm. Entlang von saftig-grünen Wiesen, gelangen wir hinab zur Straße. Wir warten zusammen, sprich alle warten auf mich. “Jetzt wirds steil”, lacht Gerhard und zischt nach links eine Straße hinauf, die von unten aussieht, wie eine Skisprungschanze. Ich trete was das Zeug hält, doch komm kaum vom Fleck. Gerade will ich absteigen, da packt mich von hinten eine Hand. “Fest onholtn”. Walter muss bemerkt haben, dass meine nicht vorhandenen Batterien endgültig leer sind und gab mir jetzt einen Schub. Dann kommt auch noch Manfred von der anderen Seite und Adrian weiß gar nicht, was lost ist, als wir mit dreifacher Schrittgeschwindigkeit nach oben schießen. In diesem Moment erinnere ich mich an das Gefühl, als ich mit meinem Vater Fahrradfahren lernte. Es war genauso, nur dass es jetzt steil bergauf ging und mich statt meinem Papa, zwei Opas antauchten. Mit meinen allerletzten Kräften komme ich wieder in Bad Mitterndorf an. Ich bin todmüde und dankbar, dass ich wieder da bin. Und ganz ehrlich, ohne der Hilfe meiner elektrifizierten grauen Freunde, wäre ich ziemlich im Arsch gewesen. Adrian und ich haben seither keinen Ausflug mehr gemacht. Ab und zu träumen wir noch von dem schönen Gefühl bergauf zu fliegen und von der wundersamen Ballsamikuh :)

 

 

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